Alle Hände voll zu tun – Meine Schicht auf der Station A5

Normalerweise arbeite ich in der Unternehmenskommunikation im Städtischen Klinikum Görlitz und kümmere mich um die Vorbereitung und Organisation von Veranstaltungen – also im Büro. Aber heute ist alles anders. Ich möchte mir einen Eindruck von der Arbeit einer Pflegekraft auf Station verschaffen und werde deshalb eine Frühschicht mitmachen.Der Beruf soll einer der wunderbarsten aber auch anstrengendsten sein, was ich mir bei Schichtdiensten, Nachtdiensten und vor allem bei dem täglichen Umgang mit kranken Menschen sehr gut vorstellen kann. Heute will ich es genauer wissen.

Vor Schichtbeginn noch ein kurzer Anruf im Büro – Melanie Freiwerth arbeitet eigentlich in der Unternehmenskommunikation. Gleich begleitet sie die Pflegekräfte auf
der Station A5.

Meine Schicht auf der Station A5 mit Patientinnen und Patienten der Allgemeinchirurgie beginnt um 6:00 Uhr – etwas früher als sonst aber kein Problem. Ich bin sowieso ein Frühaufsteher. Das bekomme ich hin.

Schnell erledige ich noch ein Anruf, dann binde ich mir die Haare zum Zopf, bevor ich mich in blauer Funktionskleidung gespannt im Dienstzimmer melde. Die Kolleginnen und Kollegen besprechen bei der Schichtübergabe den Verlauf der letzten Nacht für jeden einzelnen Patienten: Wer brauchte Schmerzmittel? Wer konnte gut durchschlafen? Wer muss für eine OP vorbereitet werden und welche Patienten können entlassen werden? Insgesamt gibt es auf meiner heutigen Station 15 Zimmer und 33 Betten. Mir wird jetzt schon klar, langweilig wird es heute nicht.

Gleich nach der Besprechung geht es auch schon los. Ich begleite Schwester Gritt, Stationsleiterin der A5, zu einer Patientin, die heute operiert werden soll. Schwester Gritt hat 1989 ihre Ausbildung zur „Krankenschwester“ absolviert und arbeitet seitdem im Klinikum – immer in der Chirurgie. Sie mag übrigens gern als „Krankenschwester“ bezeichnet werden. Vor der OP der Patientin steht erst einmal Aufklärung und Dokumentation auf dem Plan. In dem Zimmer begrüßen wir die 79-jährige Frau und fragen sie, wie es ihr geht – natürlich in der Hoffnung, dass sie mit „alles in Ordnung“ antwortet. Aber dem ist nicht so. Sie ist ängstlich und besorgt. Ihr Mann leidet an einer inzwischen ausgeprägten Demenz.

Ohne sie findet er sich nicht mehr zurecht. Die Patientin betont, dass sie nach der OP schnell wieder nach Hause muss, um sich um ihren Mann zu kümmern. Schwester Gritt beruhigt sie sehr verständnisvoll und empathisch. Danach erkundigt sie sich nach Vorerkrankungen, Schmerzen, Implantaten, Gewicht, Größe und misst Blutdruck sowie Temperatur in dem Wissen, dass sie heute die erste auf dem OP-Plan ist und schon bald abgeholt wird. Ich merke, dass neben Fachwissen vor allem Empathie eine wichtige Eigenschaft für diesen Job ist. Trotz des hohen Dokumentationsaufwandes nimmt sich die Schwester Zeit, um verständnisvoll mit der Patientin zu sprechen. Dieser Beruf ist eine Berufung.

Der Dokumentationsaufwand für Pflegekräfte ist sehr hoch. (Foto: Paul Glaser)

Ich verabschiede mich von der Patientin und wünsche ihr alles Gute für ihre Operation. Auf dem Stationsgang kommt gerade der Speisewagen mit dem Patientenfrühstück an. Schonkost, Vollkost, Kaffee, Tee, Frischkäse oder doch lieber Wurst – all das wurde vorher erfragt und jedes Tablett für jeden Patienten einzeln zusammengestellt. Ich lese mir die Karteikarte auf dem ersten Tablett durch. Der Herr aus Zimmer 1 hat eine Tasse Kaffee mit Milch und eine Tasse Tee zum Frühstück bestellt. Aus den Kannen neben dem Speisewagen pumpe ich die Heißgetränke in die Tassen, balanciere mit dem Tablett in der rechten Hand zum Zimmer eins, klopfe mit der linken Hand an und serviere das Frühstück. Mit den anderen Pflegekräften auf Station verteilen wir alle Tabletts des Wagens und wünschen freundlich einen guten Appetit.

Gleich danach schaue ich dabei zu, wie die Medikamente gestellt werden. Die vom Arzt angeordneten Tabletten und Tropfen werden für die einzelnen Patienten aus einer Liste ausgelesen und in kleine Becher sortiert. Höchste Konzentration ist gefragt. Fehler hätten schlimme Konsequenzen. Mir wird klar, wie verantwortungsvoll hier jeder einzelne Handgriff ist. Mit den gefüllten Bechern gehen Schwester Anni, die ich gerade begleite, und ich von Zimmer zu Zimmer. Beim Verteilen fragen wir die Patientinnen und Patienten, ob soweit alles in Ordnung ist oder ob jemand Unterstützung braucht.

Vieles ist dabei zu erledigen: das Zimmer lüften, ins Bad helfen, mal kurz das Haar bürsten, den Strumpf hochziehen oder eine neue Flasche Wasser bringen, ein liebevolles Wort für die Patient:innen und dabei stets achtsam sein, ob es dem Patienten auch soweit gut geht. Nachdem alle Medikamentenbecher verteilt sind, gehen wir noch einmal in Zimmer 8. Der Patient hier hat einen künstlichen Darmausgang auf dem Bauch angelegt, der mit einer Versorgungsplatte und einem Beutel versehen ist. Die Platte hat sich nachts gelöst und muss nun erneuert werden. Schwester Anni, ausgebildete Gesundheits- und Krankenpflegerin, holt die Auszubildende aus dem ersten Lehrjahr dazu und erklärt ihr, wie die neue Platte zuzuschneiden ist, wie sie angebracht wird und worauf beim Wechsel noch zu achten ist. Die praktische Ausbildung der Pflegeschüler gehört also auch zu den Aufgaben auf Station.

Höchste Konzentration ist beim Stellen der Medikamente gefragt. (Foto: Nathalie Wittig)

Zurück am Pflegestützpunkt gibt mir Schwester Gritt ein Zeichen. Gleich geht die Visite los. Dabei geht der behandelnde Oberarzt heute mit zwei Assistenzärzten und einer Pflegekraft von Bett zu Bett und spricht mit 31 Patientinnen und Patienten. Die erste Patientin freut sich, denn sie kann morgen nach Hause gehen. Bei dem positiv verlaufenden Gespräch klinkt sich die Patientin aus dem Nachbarbett ein. Auch ihr geht es relativ gut und sie fragt, ob denn hier jemand englisch könne? Der Oberarzt bejaht die Frage. Die Patientin bittet um die Übersetzung der Aufschrift auf ihrem T-Shirt: „You and me forever!“ Der Arzt schmunzelt und übersetzt: „Du und ich für immer!“. „Na das ist doch was“, freut sich die Patientin und lacht laut.

So unterhaltsam geht die Visite jedoch leider nicht weiter. Bei der nächsten Patientin öffnet der Oberarzt vorsichtig den Verband am Fuß. Die Zehen sehen nicht gut aus. Eine Amputation steht im Raum. Die Patientin hört sehr schlecht und versteht auch die Tragweite der Diagnose nicht. Sie ist schon älter. Der Oberarzt bittet um einen späteren Termin mit dem Sohn, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Wir wechseln das Zimmer. Der nächste Patient ist hungrig und daher sehr ungehalten. Seit mehreren Tagen bekommt er strenge Schonkost und wird davon nicht ansatzweise satt. Der Oberarzt erklärt die medizinische Notwendigkeit und bittet den Patienten um etwas mehr Geduld. Der Patient im Nachbarbett ist mit seinem Essen zufrieden. Er hat ein ganz anderes Problem. Er hat einen roten Kopf und Fieber. Gern möchte er nach Hause aber das steht im Moment gar nicht zur Debatte. Weiter geht’s zum nächsten Bett. Der Patient hier hat nach jedem kleinen Happen starke Schmerzen im Bauchraum. Der Oberarzt ordnet einen Termin mit dem Internisten für einen Ultraschall an und auch die Patienten im Nachbarzimmer brauchen weitere Untersuchungen: ein Termin mit einem Urologen muss vereinbart werden und zusätzlich ein Röntgentermin. So geht es weiter: bei einer Patientin heilt die Wunde sehr schlecht, die Wundschwester soll kommen, eine andere Patientin zeigt einen großen Bluterguss – hier soll gekühlt und gecremt werden. Nach gut zwei Stunden hat der Oberarzt alle 31 Patienten gesprochen und viele Entscheidungen getroffen. Die Visite ist beendet. Nun sind Termine mit Ärztinnen, Ärzten und Therapeut:innen anderer Fachbereiche zu organisieren, sowie Gespräche mit Familienangehörigen zu vereinbaren. An Pause ist hier kaum zu denken. Ich trinke schnell einen Schluck Kaffee und weiter geht’s. Ich hole eine Patientin vom Friseur ab. Sie wird heute entlassen. Wieder auf Station angekommen muss ein anderer Patient für eine Untersuchung auf die B1N gebracht werden. Ich mache mich nützlich und übernehme das. Dann messen wir Zucker, ich hole ein Bett auf Station, schaue bei der Schmerzdokumentation zu und irgendwie scheinen die zu erledigenden Aufgaben kein Ende zu nehmen. Immer wenn ich mit einer Sache fertig bin, gibt es neue Arbeiten, bei denen ich helfen kann.

Meine sehr abwechslungsreiche und interessante Schicht vergeht wie im Flug. Nach sechs Stunden merke ich, dass ich doch ganz schön erledigt bin, aber mein Einsatz auf Station hat mir heute viel gegeben. Die Patientinnen und Patienten, mit denen ich zu tun hatte, waren freundlich und dankbar. Es ist ein schönes Gefühl, für die Menschen auf Station da zu sein und ihnen helfen zu können. Von der Arbeit der Pflegekräfte bin ich beeindruckt, denn sie leisten in hohem Tempo und unter höchster Konzentration ein enormes Pensum. Es ist sehr anspruchsvoll, allen gerecht zu werden, auf die Sorgen, Bedenken und Ängste der Patienten einzugehen, nichts zu vergessen, alles möglichst zügig zu erledigen und immer freundlich zu sein. Mein Resümee: Pflegekraft zu sein – ist eine großartige aber sehr anspruchsvolle Berufung!

Melanie Freiwerth

Autor Melanie Freiwerth

Mein Name ist Melanie Freiwerth und als Mitarbeiterin in der Unternehmenskommunikation kümmere ich mich um die Veranstaltungen im Haus. Mein Ziel ist es, sowohl unseren Patienten als auch unseren Mitarbeitern den Alltag abwechslungsreicher zu gestalten. Dafür bin ich immer und überall auf der Suche nach neuen Ideen.

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