Kein Befund und trotzdem krank – wenn die Software kaputt ist.

von 18. Juli 2019 Juli 19th, 2019 Allgemein

Manche Menschen haben Schmerzen, fühlen sich fürchterlich krank, doch Ärzte finden keine organischen Ursachen. Wir fragen Dr. Hans-Martin Rothe, Chefarzt unserer Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, was dahinter steckt.

Dr. Hans-Martin Rothe, Chefarzt Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Foto: Paul Glaser

Herr Dr. Rothe, wie geht man als Arzt mit Patienten um, die über Schmerzen klagen,
aber keine greifbaren körperlichen Veränderungen aufweisen? 

Dass ein Arzt trotz großer Bemühungen keine körperliche Ursache feststellen kann, heißt ja nur, um einen Vergleich aus der Welt der Computer zu bemühen, dass die Bauteile – die Hardware – intakt ist. Wie aber jeder weiß, liegen Computerprobleme viel häufiger auf der Ebene der Software, auf den Körper übersetzt also auf der Ebene der Funktions- und Regulationsstörungen. Wenn der Patient demnach „nichts (an den Körperbauteilen) hat“, kann er trotzdem erheblich beeinträchtigt sein.

Wichtig ist, diese Patienten zu beruhigen, dass nichts Bösartiges hinter ihren Beschwerden steckt, dass der Körper jedoch offensichtlich erhebliche Störungen aufweist, die typischer Weise bei Stress oder psychosozialen Belastungen bei vielen Menschen auftreten. Schickt man solche Patienten mit dem Satz „Sie haben nichts“ nach Hause, fühlen sie sich völlig unverstanden oder gar als Simulanten abgestempelt und das macht ihre Situation nicht besser.

Liegt der Satz aber nicht doch nahe, wenn ansonsten alles in Ordnung ist?

Das „alles in Ordnung“  bezieht sich ja ausschließlich auf die rasch objektivierbare Ebene, auf die Hardware. Ein Ultraschall, eine EEG-Messung oder Laborwerte geben Hinweise auf körperliche und organische Erkrankungen. Eine „erkrankte Seele“ können diese Untersuchungen nicht zeigen. Wenn nach aller Diagnostik keine körperlichen Ursachen für die langanhaltenden Beschwerden festgestellt werden, gibt es eine Wahrscheinlichkeit, dass die Betroffenen seelisch übermäßig angestrengt, gestresst oder psychisch erkrankt sind. In der Medizin spricht man dann von somatoformen Störungen, die durch einen psychosomatisch geschulten Arzt erkannt und auch behandelt werden können.

Viele Patienten haben eine Odyssee an Arztbesuchen hinter sich, bis sie an den richtigen geraten. Sind die Allgemeinmediziner und Fachärzte nicht ausreichend geschult?

Der Umgang mit Patienten, die Beschwerden haben, die organisch nicht ausreichend begründbar sind, ist eine Herausforderung. Die Diagnostik und vor allem das Gespräch brauchen zum einen mehr Zuwendung und Zeit. Ein ausführliches Gespräch mit dem Patienten über mögliche Belastungen wie Sorgen oder Konflikte in der Partnerschaft, im Job oder finanzielle Sorgen können die Ärzte im vollgepackten Praxisalltag bei vollem Wartezimmer nicht immer adäquat leisten. Zum anderen schrecken manche Patienten vor der Vorstellung zurück, dass ihre Schmerzen psychische Ursachen haben können oder scheuen sich, wenn sie es vermuten, das anzusprechen. Sie drängen dann auf weitere Untersuchungen oder betreiben ein regelrechtes Ärztehopping. Es ist schlichtweg frustrierend für beide Seiten.

Gibt es denn typische körperliche Beschwerden, die auf eine psychische Problematik hinweisen?

Wenn den körperlich Beschwerden eine psychische Problematik zugrunde liegt, kann sich das auf verschiedenste Weise zeigen. Typisch für somatoforme Störungen sind Beschwerden in den vom autonomen Nervensystem gesteuerten Körperfunktionen. Magen-Darm-Probleme, Probleme mit der Atmung, Herzdruck aber auch Kopfweh, Beschwerden im Bewegungsapparat. Diese Beschwerden können jedoch stets auch andere Ursachen haben, die im Rahmen einer Diagnostik abgeklärt werden müssen.

Wenn organische Ursachen ausgeschlossen wurden – was passiert dann?

So wie der Allgemeinmediziner den Patienten mit Ohrenschmerzen zum HNO-Arzt schickt oder den Patienten mit hohem Blutdruck zum Kardiologen, sollte er bei Verdacht auf eine psychosomatische Erkrankung den Patienten zum Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie oder zumindest an einen ärztlichen Psychotherapeuten überweisen.

In der Hoffnung, dass der Patient mitmacht.

Ja. Doch wenn der Leidensdruck groß genug ist und sich ein erstes Verständnis entwickeln lässt, dass körperliche Beschwerden auch aus anderen Gründen kommen können, dann begeben sich die Betroffenen durchaus in die psychosomatisch- psychotherapeutische Betreuung. Psychosomatische Erkrankungen sind wie psychische Erkrankungen kein Zeichen von persönlichem Versagen oder Drückebergerei. Sie können mit den modernen Behandlungsmethoden auch behandelt werden.

Erfolgreich?

In den vielen Fällen sind Verbesserungen zu erreichen, gelegentlich auch das Verschwinden der Symptome. Die Symptome, die Grund für das Aufsuchen von Ärzten waren, stellen aber oft sozusagen die Spitze des Eisberges dar. In der Regel ist es erforderlich, dass betroffene Patienten neue Fertigkeiten erlernen und sich praktisch aneignen, deren Fehlen bisher den übermäßigen Stress mitbedingt hat.

Welche Fertigkeiten sind das zum Beispiel?

In der Regel gibt es viel zu lernen und zu verbessern, so dass die Robustheit und die Stresstoleranz gestärkt werden. Sei es die Fähigkeit der Selbstregulation, der verbesserten Selbstwahrnehmung, Verbesserungen der Kommunikationsfähigkeit, der Selbstsicherheit und Konfliktlösefähigkeit, sei es, die Körpersymptome als Ausdruck psychischer Anspannung oder von Gefühlen verstehen und einordnen zu lernen.

Wie werden diese Erkrankungen denn behandelt?

In der Psychosomatischen Klinik werden Patienten in einem therapeutischem Rahmen behandelt, der ihnen hilft, diese Erfahrungs- und Lernschritte machen zu können. Dabei werden verschiedene methodische Zugänge kombiniert. Man nennt das multimodales Behandeln, bei dem verschiedene Modalitäten wie Einzel- und Gruppengespräche, Musiktherapie, Gestaltungstherapie, Entspannungsmethoden, Informationsgruppen, Achtsamkeitstraining, Kommunikationstraining kombiniert und aufeinander abgestimmt  genutzt werden, um einen Zugang zu dem den Beschwerden zugrundeliegenden bewussten aber auch unbewussten Erleben zu bekommen, also die Introspektions- und Ausdrucksfähigkeit zu verbessern. Da in einem solchen Therapieprozess vieles  gelernt oder umgelernt werden muss, das in vielen Fällen vorher schon über Jahre bestanden hat, benötigt eine solche Behandlung aber einige Wochen Zeit.

In der ambulanten Psychotherapiepraxis kommen in der Regel nur einzelne Elemente aus diesem Behandlungskonzept zum Tragen. Im Anschluss an eine voll- oder teilstationäre Therapie ist eine ambulante Psychotherapie oft wichtig, um Erreichtes zu vertiefen, zu stabilisieren und weiter zu entwickeln.

 

Katja Pietsch

Autor Katja Pietsch

Ich bin Katja Pietsch. Als Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation des Klinikums habe ich schon von Berufs wegen eine Menge mit Kommunikation zu tun. Glücklicherweise ist das aber auch meine Leidenschaft ;-). In meiner Freizeit skate ich gerne um den See.

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