HIV/AIDS – “Es gibt noch sehr viel zu tun”

von 27. Juli 2018Allgemein

Zurzeit findet in Amsterdam die Weltaidskonferenz statt. Dr. Lutz-Uwe Wölfer, Chefarzt unserer Hautklinik, hat sich einmal als “Dino” in Sachen HIV/AIDS bezeichnet. In der Anfangszeit der Epidemie betreute und behandelte er in Berlin über mehrere Jahre ausschließlich HIV-Infizierte. 

Herr Dr. Wölfer, HIV kann man heute gut behandeln. Also alles gar nicht schlimm?
Das kommt ganz darauf an, wo man lebt. In Deutschland und in den meisten entwickelten Ländern ist eine Infektion mit dem HI-Virus mit Medikamenten so gut behandelbar, dass die Betroffenen ein ganz normales Leben ohne Einschränkungen führen können.

Das hätte zu Beginn der Epidemie niemand für möglich gehalten, oder?
Nein. Es war damals Anfang der 80er Jahre. In Amerika, San Francisco, tauchten eine Reihe ungewöhnlicher und ähnlicher Krankheitsfälle auf. Gehäuft bei jungen, homophilen Männern. Sie litten an bestimmte bösartigen Hauttumoren und Lungenentzündungen. Die Medizin rätselte: Warum so plötzlich? Warum so viele Tumore gleichzeitig? Warum bei jungen Männern? Das „Grauen“ war in der Welt. Die breite Öffentlichkeit wurde über „Die tödliche Seuche AIDS“ informiert. Überall hatte man Angst. Wenige Jahre später wurde das HI-Virus identifiziert.

Wie ging es weiter?
Einmal in den Körper gelangt, gibt es keine Chance, das HI-Virus wieder herauszubekommen. Der HIV-Positive bildet täglich ca. 10 Milliarden Viren. Das Immunsystem kämpft lange und hartnäckig dagegen. Doch das Virus gewinnt diesen Kampf und zerstört das Immunsystem. Zu Anfang der Epidemie war HIV ein hundertprozentiges Todesurteil. Ausnahmslos alle Patienten starben innerhalb von 10 Jahren. Ich habe viele Schicksale damals auch in Berlin miterlebt.

Doch heute gibt es gute Medikamente dagegen.
Ja. 1985 wurde der erste HIV-Antikörpertest zugelassen. 1996 wurde auf der elften internationalen AIDS-Konferenz in Vancouver eine neue Art von Arzneimitteln, die so genannten Protease-Hemmer, vorgestellt. Sie blockieren die Virusvermehrung, so dass das Immunsystem nicht zusammenbricht und ermöglichen ein relativ normales, beschwerdefreies Leben.

Und was ist mit der Ansteckungsgefahr?
Das Risiko, sich im täglichen Umgang miteinander anzustecken ist sehr gering. HIV wird nicht über Insekten oder Tröpfchen übertragen. Zumeist sind die Betroffenen durch die Medikamente so gut eingestellt, dass sie kaum noch ansteckend sind. Das Risiko besteht weiterhin bei ungeschütztem Geschlechtsverkehr, insbesondere unter Männern, da das Verletzungsrisiko im Genitalbereich und somit eine Blutübertragung höher ist.

Wenn HIV infizierte Frauen ein Baby erwarten, ist das dann ebenfalls automatisch infiziert?
Nein, die Plazenta lässt das Virus nicht durch und das Baby ist durch seinen eigenen Blutkreislauf geschützt. Das Risiko einer Übertragung besteht fast ausschließlich bei der Geburt. Doch heutzutage sind infizierte Patientinnen durch Medikamente so gut eingestellt, dass die Viruslast im Blut extrem niedrig ist. Das Risiko, dass das Kind auf diese Weise infiziert wird, liegt bei unter einem Prozent.

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen HIV und AIDS?
HIV bezeichnet das Virus Humanes Immundefizienz-Virus, was übersetzt so viel heißt wie menschliches Abwehrschwäche-Virus. Kann der Körper eindringende Krankheitserreger wie Bakterien, Pilze oder andere Viren nicht mehr bekämpfen, treten meist bestimmte, lebensbedrohliche Erkrankungen auf wie zum Beispiel eine Lungenentzündung. Dann spricht man von AIDS. Dies ist auch eine Abkürzung und steht für Acquired Immune Deficiency Syndrome, also Erworbenes Abwehrschwäche Syndrom.

Kampagnen wie „Gib AIDS keine Chance“ oder auch der Film „Philadelphia“ mit Tom Hanks rückten das Thema in den 80er bzw. 90er Jahren sehr in die Öffentlichkeit. Haben solche Präventionsmaßnahmen geholfen?
Es war wichtig darüber aufzuklären, wie eine Ansteckung verhindert werden kann. Mit der Kampagne „Gib AIDS keine Chance“ sind Generationen aufgewachsen. Sie lernten, wie sie sich schützen bzw. das Risiko der Ansteckung verringern können. Es hat bei vielen Menschen ein Bewusstsein im Umgang mit HIV geschaffen.

Trotzdem gibt es in Deutschland nach wie vor ca. 3.200 Neuerkrankungen pro Jahr.
Ja, aber diese Zahl ist seit vielen Jahren relativ stabil. In Deutschland leben ca. 88.000 Infizierte. Da HIV inzwischen gut behandelbar ist, leben die Betroffenen auch länger, somit steigt langsam auch das Alter der HIV Patienten sowie logischerweise entsprechend auch die Anzahl.

Für Deutschland sieht es also insgesamt nicht düster aus, was eine HIV-Infektion betrifft. Was ist mit anderen Ländern? Afrika zum Beispiel?
Wenn wir in die Welt schauen sind 36,7 Millionen Menschen mit HIV infiziert. Etwa 40 Millionen Menschen sind seit beginn der Epidemie an AIDS verstorben. Brennpunkt ist hier Afrika. UNAIDS, ein gemeinsames Programm der Vereinten Nationen für HIV/Aids, hat sich zum Ziel gesetzt, dass weltweit 90% von ihrer HIV-Infektion wissen sollen, also einen HIV-Test machen können, dass 90% davon Zugang zu einer medikamentösen Therapie erhalten sollen und 90% davon wiederum durch die Behandlung keine nachweisbaren HI-Viren im Blut mehr haben. Der Stand 2016 ist noch weit davon entfernt. Nur die Hälfte erhält eine medikamentöse Therapie. Noch weniger, nämlich 44 %, haben keine nachweisbaren HI-Viren. Hier gibt es also noch sehr viel zu tun.

Autor Katja Pietsch

Ich bin Katja Pietsch. Als Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation des Klinikums habe ich schon von Berufs wegen eine Menge mit Kommunikation zu tun. Glücklicherweise ist das aber auch meine Leidenschaft ;-). In meiner Freizeit skate ich gerne um den See.

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