Von der Idee aus dem Keller zur Realität im OP

von 14. Februar 2018Allgemein

Vielleicht ist „ästhetisch“ nicht das richtige Wort. Immerhin stehe ich in einem Operationssaal. Vor mir liegt ein Mensch in Vollnarkose. In seinem Rücken klafft ein sauber zurechtgeschnittenes Loch von ca. 10 x 10 Zentimetern mit Blick auf die Wirbelsäule. Es riecht etwas verbrannt. Vom Patienten ist nicht viel zu sehen. Bis auf das Loch ist er komplett mit grünen OP-Tüchern abgedeckt. Ein Mann mit Brille überwacht die Vitalzeichen am Monitor. Hin und wieder macht er sich Notizen. Ich habe einen Heidenrespekt vor ihm. Schließlich sorgt er dafür, dass der Patient nichts spürt.

Links und rechts vom Operationstisch stehen zwei Chirurgen. Sie legen gerade die Bandscheibe frei, um sie „auszuräumen“. OP-Jargon. Ein Mikroskop kommt dabei zum Einsatz. Der Patient leidet an argen Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule, hat schlimme Schmerzen und ist mit allen sonstigen Behandlungsmöglichkeiten austherapiert. „Erst dann“, so sagt der Chefarzt Dr. Marcus Eif, „operieren wir“.

Das Gewebe, das er aus der verschlissenen Bandscheibe entfernt, sieht aus wie weiße winzige Stofffetzen. Dass das Gewebe so trocken ist, zeigt, wie abgenutzt die Bandscheibe ist. Die OP-Schwester entsorgt es in kleine mit Flüssigkeit gefüllte Becher für die Untersuchung durch den Pathologen.

Perspektive durch den “C-Bogen” (Röntgenbogen): Vor dem Einsetzen des Implantats räumt Dr. Eif die Bandscheibe “aus”

Im OP zählt Teamarbeit! Jeder Handgriff sitzt.

Vielleicht ist „ästhetisch“ wirklich nicht das richtige Wort. Doch es ist eine OP mit wenig Aufregung, wenig Blut, kleinen Schnitten, grazilen OP-Geräten, unter Zuhilfenahme eines Mikroskops.

Und im Hintergrund singt Adele.

Blick durch das Mikroskop zeigt den Operationsfortschritt.

Dr. Eif leitet die Neurochirurgie im Städtischen Klinikum Görlitz. Operationen an der Wirbelsäule sind eigentlich sein Alltag. Doch heute auch irgendwie nicht. Denn heute setzt er ein neues Implantat ein – weltweit zum allerersten Mal. Er hat es mitentwickelt. Die Idee dazu kam ihm vor zweieinhalb Jahren zu Hause. Im Keller. Das Implantat ist komplett 3D-gedruckt und besteht aus Titan. Das besondere daran ist, dass es im Unterschied zu bisherigen 3D-Implantaten funktionell ist. Es wird während des Eingriffs an Stelle der Bandscheibe zwischen die Wirbelkörper gesetzt. Dann kann der Operateur Winkel und Höhe einstellen. „Auf diese Weise rekonstruieren wir die natürliche Silhouette der Wirbelsäule.“ Der Chirurg drückt es noch konkreter aus: „Es kommt zu einer Versteifung der Wirbelsäule unter Wiederherstellung der natürlichen Wirbelsäulengeometrie.“ Ein bisschen Stolz schwingt in seiner Stimme. Das Implantat ist mit ein paar Zentimetern ziemlich klein. Ob es an der richtigen Stelle eingeführt und der Winkel korrekt eingestellt ist, überprüfen Dr. Eif und sein Team während des Eingriffs kontinuierlich anhand von Röntgenaufnahmen.

Ein so winziges Teil stabilisiert die Wirbelsäule.

Dr. Marcus Eif (rechts) setzt das Implantat ein. Die Monitore im Hintergrund zeigen Winkel, Höhe und Sitz.

Diese Illustration zeigt die verschiedenen Höhen und Winkel des Implantats. Quelle: EIT Emerging Implant Technologies GmbH

 

Der Sitz des Implantates wird kontinuierlich anhand von Röntgenaufnahmen überprüft.

Nach etwa 2,5 Stunden ist die Operation geschafft. Spätestens am nächsten Tag wird der Patient schon wieder „mobilisiert“. Die Physiotherapeuten helfen ihm dabei. Das Implantat hat er jetzt lebenslänglich. Schmerzfreiheit hoffentlich auch.

Nachdem das neue Implantat erfolgreich eingesetzt wurde, blickt Dr. Eif schon in die Zukunft: „Ich gehe davon aus, dass es auf dem Gebiet der 3-D Drucktechnologie in kurzer Zeit noch beeindruckende Entwicklungen geben wird, was vor allem den Patienten zugute kommt“, sagt er. Ich nicke. An solchen Tagen bin ich mir meiner Gesundheit bewusst und dankbar dafür. Für den Patienten freue ich mich, denn er wird merklich an Lebensqualität gewinnen. Auch dank einer Idee aus dem Keller 😉

Hier gehts zur Pressemitteilung: Pressemitteilung

 

Autor Katja Pietsch

Ich bin Katja Pietsch. Als Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation des Klinikums habe ich schon von Berufs wegen eine Menge mit Kommunikation zu tun. Glücklicherweise ist das aber auch meine Leidenschaft ;-). In meiner Freizeit skate ich gerne um den See.

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