Die Schuhcremedose als Lebensretter – am 29. September ist Weltherztag

von 29. September 2017Allgemein, Geschichte, Mitarbeiter

Das Herz eines gesunden Menschen schlägt in Ruhe etwa 50 bis 80 Mal pro Minute. Jeder Herzschlag pumpt dabei ungefähr 70 Milliliter Blut in den Kreislauf. Bei dieser Frequenz werden die Organe optimal versorgt. Kommt das Herz aus dem Takt, besteht Lebensgefahr.
1979 begann im Klinikum Görlitz ein Kapitel, das sich zu einer der Erfolgsgeschichten des Krankenhauses entwickeln sollte. Einem Patienten wurde ein sog. Ein-Kammer-Herzschrittmacher eingesetzt. Seine Aufgabe: die Herzkammer zum Pumpen anregen.Heute, 38 Jahr später, übernehmen Herzschrittmacher und Defibrillatoren weitaus komplexere Aufgaben, die trotzdem noch das ursprüngliche Ziel verfolgen. Die Herzfunktionen überwachen und wenn nötig korrigierend oder unterstützend eingreifen.
Und was hat das mit einer Schuhcremedose zu tun? 1958 wurde aus einer mit Epoxidharz ausgegossenen Schuhcremedose der erste Herzschrittmacher der Geschichte (s. Bild). Zwei Transistoren, ein Nickel-Cadmium Akkumulator und eine Spule zum Aufladen von außen befanden sich in der Dose, die mittels Elektroden an das Herz angeschlossen wurde.

Ein Modell des ersten Herzschrittmachers aus dem Jahr 1958.

Heute sind Herzschrittmacher genau auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt. Sie greifen nur dann ein, wenn es notwendig ist und können inzwischen sogar Störfälle aufzeichnen, auf deren Grundlage die Therapie gestaltet oder angepasst wird.
Für die Lebensqualität der Patienten bedeuten die kleinen Geräte einen Quantensprung, da sie inzwischen ein fast einschränkungsfreies Leben ermöglichen. Sogar MRT-Aufnahmen sind mit den neuen Gerätegenerationen möglich.

Eng mit der Erfolgsgeschichte der Herzschrittmacher und Defibrillatoren im Städtischen Klinikum verbunden ist der Name Dr. Christine Karbaum.

Dr. Christine Karbaum legt einer Besucherin EKG-Elektroden an. Die damit gemessene Herzaktivität kann so auf dem Monitor dargestellt werden.

Sie ist so etwas wie die kardiologische Pionierin im Haus. Mehrfach war die Fachärztin für Innere Medizin/Kardiologie die Erste, die neue Geräte in der Region Ostsachsen einsetzte. Neben 2006 (s. Abriss zur Geschichte weiter unten) auch 2013, als sie einem Patienten einen von zu diesem Zeitpunkt in Deutschland nur 100 implantierten subkutanen Defibrillatoren einsetzte. Dieses Gerät benötigt keine Kabel zum Herzen und findet bei Patienten Anwendung, die schlechte Gefäßzugänge zum Herzen haben. Defibrillatoren kommen zum Einsatz, wenn man unter einer schlechten Herzleistung leidet, einen plötzlichen Herztod überlebt hat und ggf. weitere zu erwarten sind.

Wie der Vater (links) so der Sohn. Nachdem Hartmut Michael 2015 in den Ruhestand ging, hat sein Sohn Matthias die Schrittmacherkontrolle übernommen. Beide zeigen Geräte aus dem Fundus, den Harmut Michael in 35 Jahren Dienstzeit aufgebaut hat.

Ganz ohne Kontrolle und Einstellung, bzw. Anpassung kommen auch die modernsten Geräte (noch) nicht aus. Überwachung und Justierung der eingesetzten Geräte sind Aufgabe der Schrittmacherkontrolle im Städtischen Klinikum. Sie ist seit 1980 sozusagen fest in den Händen der Familie Michael. Was Vater Hartmut am 3. März 1980 als Techniker im Herzschrittmacherzentrum begann, setzt seit 2015 Sohn Michael fort, nachdem der Senior in den verdienten Ruhestand verabschiedet wurde. Beide sind studierte Biomediziningenieure, beide haben in Ilmenau studiert. Eine Zeit lang haben sie auch gemeinsam am Städtischen Klinikum gearbeitet. Dadurch konnte der Vater den Sohn einarbeiten und ihm „seine“ Schrittmacherkontrolle übergeben.
Dazu gehört auch ein beinahe einzigartiger Fundus an Geräten, den Hartmut Michael in seinen 35 Jahren zusammengetragen hat. Eine kleine Auswahl davon kann als Bildergalerie auf der Station B1K im Klinikum besichtigt werden. Sie ermöglicht tolle Einblicke in die Entwicklung der kleinen Geräte.

Dieses Gerät wurde ab 1980 in Görlitz implantiert.

Dieses Gerät wurde nach der Wende in Görlitz eingesetzt.

Bevor die Patienten zur Kontrolle in die Schrittmachersprechstunde bei Matthias Michael kommen, sieht er sie meist schon im OP-Saal. Dort berät er, genauso, wie es sein Vater vor ihm getan hat, die Ärzte bei der Auswahl eines Gerätetyps. Hier können auch schon Grundeinstellungen und Programmierungen vorgenommen werden.

Wenn Schrittmacher mit Elektroden implantiert werden, liegen sie in etwa wie auf diesem Bild dargestellt.

Anschließend sieht er die Patienten in der Sprechstunde wieder. Herr Michael gibt u.a. Schrittmacherausweise aus, kontrolliert und justiert die Einstellungen der verschiedenen Geräte. Das passiert kabellos, indem er eine sog. „Kelle“ von außen in die Region des Implantats hält. Anhand der Diagnosegeräte in seinem Sprechstundenzimmer erkennt er, ob alles in Ordnung ist oder ob es zwischen den Terminen evtl. Störungen gab, die eine Anpassung der Einstellungen notwendig machen.
Am Tag der offenen Tür 2017 war die Medizinische Klinik sowohl durch Frau Dr. Karbaum als auch durch Matthias Michael vertreten. An einem gemeinsamen Stand gaben sie Einblicke in ihre Arbeit und waren immer wieder im Gespräch mit Besuchern. Auf einem Monitor konnten sie sich ihr eigenes EKG anschauen und einen Ausdruck mitnehmen.

Matthias Michael hat eine Besucherin an das EKG-Gerät angeschlossen. Auf dem Bildschirm sind dann die gemessenen Werte erkennbar.

Auf dem Monitor sind die bei der Besucherin gemessenen Werte zu erkennen.

Kardiologie – Implantation von Herzschrittmachern und Defibrillatoren – Schrittmacherkontrolle – sie alle gehören zum Arbeitsalltag im Städtischen Klinikum Görlitz. Frau Dr. Karbaum und Matthias Michael erfüllen sie mit Leben. Zahlreichen Patienten konnten und können sie dabei helfen, dass eines der wichtigsten Organe des menschlichen Körpers weiterhin zuverlässig seinen Dienst tut.

Wir sagen am Weltherztag „herzlichen Dank!“

Abriss zur Geschichte der Schrittmacher- und Defibrillatorimplantation im Städtischen Klinikum Görlitz

  • 1979: erste Implantation eines Herzschrittmachers in Görlitz; der Einkammerherzschrittmacher regt die Herzkammer zum Pumpen an
  • 1986: Implantation des ersten Zweikammerherzschrittmachers in Görlitz
  • 2006: Oberärztin Dr. Christine Karbaum implantiert in Ostsachsen den ersten implantierbaren Defibrillator (ICD) mit Frühwarnsystem und der Möglichkeit zur kabellosen Nachsorge
  • 2008: In Görlitz wird ein Dreikammersystem zur kardialen Resynchronisation beider Herzkammern mit Defibrillatorfunktion (CRT-D) eingesetzt
  • 2013: Frau Dr. Karbaum implantiert einen subkutanen Defibrillator – er kommt ohne Kabel zum Herzen aus
  • 2014: 35-jähriges Jubiläum der Implantationen in Görlitz: in dieser Zeit etwa 6200 Schrittmacher eingesetzt (rund 180/pro Jahr)
  • Insgesamt wurden zwischen 1979 und 2014 etwa 6.200 Schrittmacher implantiert, 1.700 gewechselt und rund 60.000 Schrittmacherkontrollen durchgeführt

Autor Felix Kurtze

Ich bin Felix Kurtze. Die Stabsstelle Unternehmenskommunikation und Medien am Städtischen Klinikum Görlitz ist eine kleine Abteilung. Unsere Arbeit ist sehr abwechslungsreich und wir wachsen an und mit den täglichen Herausforderungen der Presse- und Medienarbeit.

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