Geschichte des vielleicht schönsten Berufes der Welt

Bei einer Recherche in unseren alten Mitarbeiterzeitungen zu einem ganz anderen Thema ist uns dieser Gastbeitrag des Görlitzer Ratsarchivars Siegfried Hoche in die Hände gefallen. Er schrieb über die Geschichte der Hebammen in Görlitz. Wir freuen uns, dass wir ihn in unserem Blog veröffentlichen können. Viel Spaß bei dem spannenden Blick in die Vergangenheit. PS: Am Tag der offenen Tür – dem 23. September 2017 von 10 – 15 Uhr lädt unser Kreißsaalteam zu Führungen ein. Mehr Infos gibt es dazu auch auf unserer Homepage und auf facebook.

„Betritt man die modernen und zugleich sehr ansprechend gestalteten Kreißsäle des Görlitzer Klinikums, möchte man fast nicht glauben, in einem Krankenhaus zu sein. Den werdenden Müttern und Vätern wird jede nur denkbare Erleichterung in einem fast mediterran anmutenden Ambiente geboten. Die für die ohnehin unsicheren und nervösen, zukünftigen Eltern furchterregend wirkenden modernen medizinischen Gerätschaften und Operationssäle sind natürlich vorhanden, bleiben aber, wenn nicht benötigt, unsichtbar. So verbinden sich hier fast die Vorzüge eines Geburtshauses mit denen des modernsten Kreißsaals.

Ohne Beruf noch als Berufung verstehende und fachlich auf das Beste befähigte Hebammen, Schwestern und Ärzte wäre die schönste Klinik jedoch völlig wertlos. Und man merkt es ihnen an: Sie üben den vielleicht schönsten Beruf aus, kleinen Geschöpfen den Weg in diese Welt zu weisen. Von guten Dingen spricht man leider nur selten. Dazu gehört zweifellos die bereits in der Vergangenheit beispielhaft organisierte und weit über die Grenzen der Oberlausitz hinaus berühmte Görlitzer Geburtshilfe.

Die Tätigkeit der Hebamme, Wehe-, oder Bademutter gehört zu den ältesten medizinischen Berufen überhaupt. Der Chirurg oder auch der Stadtphysicus wurden nur in Ausnahmefällen hinzu gerufen. Eine Berufsausbildung oder Lehre für Hebammen unter der Aufsicht der Obrigkeit gab es lange Zeit nicht. Die „weisen“ Frauen erlernten ihr Handwerk meist von älteren und erfahrenen Hebammen. Im Jahre 1513 erschien das erste gedruckte Handbuch der Geburtshilfe für Hebammen. Verfasst hatte es der Wormser Stadtarzt Eucharius Roeßlin in deut-scher Sprache. Bereits 1612 legte die Görlitzer Medizinalordnung fest, dass „die Hebammen, ehe sie angenommen, zuvor vom Collegio Medico im Beisein des Rats-Deputierten examinieret werden.“ Vom 1. Dezember des Jahres 1690 wurde ein solches „Prüfungsprotokoll“ überliefert. Vor den Doktoren Johann Jacob Theißner und Martinus Heer, dem Bürgermeister Michael Steinbach, und dem Schöppen Gregor Möller erschienen die Möllerin aus Moys und die Maria aus Marklissa. Man befragte sie über den „den Zustand schwergehenden Weiber…wie sie alß Weh-Mütter Rath geben und operiren, und vor, in und nach der Geburt sich verhalten sollen… Item was mit dem durch göttlichen Segen ans Tageslicht kommenden Kinde vorzunehmen, was ihr Ambt bey der Kreißerin, was ihre Medicamente seyn, bisherige practica, und was mehr hirher gehörig.“

Da die damalige Situation im Hebammenwesen in der Beurteilung der Maria aus Marklissa sehr treffend erscheint, sei sie hier im Zitat wiedergegeben: Die Kommission schätze ein, „dass Sie ihrer Person nach ein geschickt Weib, zu solchen Bade-Mutter-Ambte 33 Jahr alt, ihrer Wißenschaft nach erfahren, gutten Verstandes und Antwort sey, in Lesung gutter Bücher geübt, von ihrer Mutter ein Jahr informiret, ihrer practica nach XI Jahr für eine Bade-Mutter sich habe gebrauchen lassen, in Examine auf alle schwere und leichte Fragen wol und bescheidentlich geantwortet, in schweren Geburten offtmals ihre gutte Geschicklichkeit erwiesen habe.“

Nach erfolgter und erfolgreicher Examination vereidigte der Görlitzer Rat die Hebammen. Aus dem Jahre 1641 wurde ein solcher Eid, der älteste der Oberlausitz, überliefert. Erst jetzt durften die Hebammen in Görlitz und den Dörfern des städtischen Weichbildes ihre Kunst ausüben. Speziell für die Hebammen gab es – sicher belegt ab 1716 – eine Instruktion in der unter anderem festgelegt wurde, dass die Hebamme verpflichtet wurde „im höchsten Nothfall und wenn ein ordentlicher Priester die Schwachen Kinder“ zu taufen. Eine Zäsur bildet das Jahr 1667. Der Rat entschied, einen „Accoucheur“ und „Hebammenmeister“ einzustellen. Jener sollte bei komplizierten Geburten zugegen sein, die Hebammen zudem weiterbilden und beaufsichtigen. Man gewann einen tatkräftigen Mann für dieses Amt, den Homburger Regiments-Chirurgen Christian August Volkert. Noch im gleichen Jahr schlug er dem Rat vor, in Görlitz eine Hebammenschule, nach dem Vorbild der Straßburger und Kasseler Schulen einzurichten. Bis zum Jahre 1811 erlernten in der beispielhaften Einrichtung allein 39 Görlitzer Hebammen ihr Handwerk. Als Probanten der Schülerinnen dienten un-ehelich Schwangere, die das deshalb fällige Strafgeld nicht erlegen konnten. Sie wurden in der Schwangerschaft „touchiert“ und die Entbindung erfolgte unter der Mitwirkung der zukünftigen Hebammen. In Dresden entsteht eine solche Hebammenschule erst im Jahre 1774 allerdings verbunden mit einer Gebäranstalt. Nach dem Tode Volkerts folgte 1776 der in der oben erwähnten Dresdner Schule gut ausgebildete Chirurg Sigismund Gottlieb Vogelsang, der die Görlitzer Anstalt weiter profilierte. So verlangte er von den zukünftigen Hebammen den Besitz eines Lehrbuches und die Teilnahme an einer Obduktion.

Der hervorragende Ruf der Görlitzer Hebammenschule wird besonders deutlich an der Anweisung des Landesherren König Friedrich August I. an den Bautzener Oberamtshauptmann aus dem Jahre 1811 die Hebammen des gesamten Markgrafentums Oberlausitz zur Ausbildung nach Görlitz zu schicken.

AUTOR: Siegfried Hoche, Ratsarchivar der Stadt Görlitz

Bademutter Eyd

 

Ich N.N. schwöre Zu Gott dem Allmächtigen, dass ich mich in dem Amte der Hebammen oder Bademutter Dienste, dazu ich mich begeben habe, getreulich halte

n, und denselben mit Fleiß meinem besten Verstande nach, vorseyen, und wenn ich Zu kreissenden Weibern gefordert werde, es sey

bey Tag oder Nacht nicht lange aussen bleiben will, damit durch meinen Verzug niemand verkürtzet werde, mich auch aller Bescheidenheit gebrauchen, beydes mit Mutter und dem Kinde vorsichtig umgehen, und dabey sorgfältig seyn, dass die Mutter in Acht gehalten und das Kind zur Tauffe befördert werde,

bey den armen Weibern will ich nicht weniger Fleiß thun und haben, als bey den reichen, sondern denselben treulich rathen helffen und beyständig seyn.

Da ich auch Zu unzüchtigen Personen, so durch ihre Unordnung und Hurerey schwanger worden, erfordert, will ich in und bey der Geburth allen gebührenden Fleiß anwenden, dass beyde Mutter und Kind nicht verwahrloset werde, nachmahls aber solches E.E. Rath oder der Herr regierende Bürgermeister ohne iemands Ansehen anmelden, und nicht heimlich vorhalten.

Hingegen aber Niemanden Zu unzeitiger Geburth durch Abtreibung der Kinder oderer derer Entledigung einige Förderung oder Willen erweisen.

So wahr mir Gott helffe und sein heiliges Wort!

(Quelle: Ratsarchiv Görlitz: Pflichtbuch, Eid der Hebammen aus dem Jahre 1731.)

Autor Katja Pietsch

Ich bin Katja Pietsch. Als Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation des Klinikums habe ich schon von Berufs wegen eine Menge mit Kommunikation zu tun. Glücklicherweise ist das aber auch meine Leidenschaft ;-). In meiner Freizeit skate ich gerne um den See.

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