Die Last der Weiblichkeit – mehr als eine Frage der Schönheit!

von 8. Juni 2017Allgemein

Am 14. Juni hält Dr. Steffen Handstein im Klinikum Görlitz einen Vortrag zum Thema “Die Last der Weiblichkeit. Wenn Frauen unter ihrem Äußeren Leiden.” Ich habe mit ihm über Schönheit, Ideale, Risiken und die Haltung der Krankenkassen zu plastisch-ästhetischen Eingriffen gesprochen:

Herr Dr. Handstein,

Frau sein ist etwas Schönes, nicht nur weil wir Kinder bekommen können und besondere emphatische Eigenschaften besitzen 😉 Sie sprechen die Last der Weiblichkeit an. Was meinen Sie damit?

Es geht ja darum, wie jede einzelne Frau ihre Weiblichkeit empfindet. So wie ich es sehe, betrifft Weiblichkeit sowohl den Körper als auch die Seele. Zu viel körperliche Weiblichkeit, zum Beispiel durch eine zu große Brust, kann nicht nur physisch sondern ebenso psychisch belasten. Physisch leiden Frauen unter Rückenproblemen, Einschränkungen der körperlichen Aktivität, Schmerzen oder chronischen Hautentzündungen. Psychisch schlägt es vielen Frauen auf die Seele, wenn sie sich nicht wohl in ihrer Haut und mit ihrem Körper fühlen. Das kann soweit führen, dass sie sich zurückziehen, einsam werden oder sogar depressiv. Eben solche seelischen Belastungen können Frauen mit zu wenig Weiblichkeit, also zum Beispiel zu kleinen oder sehr unterschiedlich geformten Brüsten empfinden, oder Frauen, die nach massivem Gewichtsverlust an überschüssiger Haut leiden, oder Männer, denen eine weiblicherscheinende Brust gewachsen ist.

Dr. med. Steffen Handstein, Chefarzt Klinik für Plastische, rekonstruktive und Brustchirurgie am Städtischen Klinikum Görlitz (Infos zur Person unterhalb des Interviews) Foto: Pawel Sosnowski

Also einfach unters Messer legen und alles wird gut?

Die konservativen Behandlungen etwa der schon genannten Symptome, die fast immer von den Kassen getragen werden, helfen bei allen hier angesprochenen Problemen nicht nachhaltig. Man kann eine große Brust und die damit verbundenen Einschränkungen und Schmerzen nicht mit Rückenschule und spezieller Hautpflege wegtherapieren. Es gibt mittlerweile zahlreiche Studien, die belegen, dass eine Operation den Patientinnen deutlich mehr hilft, als die konservativen Methoden.

Es ist doch aber keine leichte Entscheidung, sich auf den OP-Tisch zu legen.

Nein, das ist es sicher nicht. Es kommt auf den Leidensdruck der Patienten an. Manche Frauen kommen durchaus gut mit etwas zu großen oder zu kleinen oder ungleich gewachsenen Brüsten zurecht. Andere wiederum beeinträchtigt das so sehr, dass sie kaum mehr am öffentlichen Leben teilnehmen. Kein Schwimmbad, kein Sport, keine schönen Kleider, Probleme, die bis in die Partnerschaft hineinreichen können. Da geht eine Menge an Lebensqualität verloren. Bevor eine Operation durchgeführt wird, müssen unbedingt Beratungs- und Aufklärungsgespräche durchgeführt werden, die neben dem kalkulierten Nutzen der Behandlung auch klar die Risiken aufzeigen. Darüber hinaus sollte abgeklärt sein, dass alternative Methoden nicht helfen.

Welche Risiken gibt es denn?

Im Grunde zunächst alle die, wie bei jedem operativen Eingriff. Das sind in diesem Zusammenhang vor allen verzögerte Wundheilungsverläufe. Dafür gibt es Risikofaktoren wie Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen und vor allem das Rauchen. Das sollte man dringend vor solchen Operationen lassen. Zudem ist es nicht nur im Sinne des Wortes ein Einschnitt in den Körper, der eine bleibende Veränderung bringt, mit der man auch im Nachhinein zurechtkommen muss. Unsere Patienten genau darauf vorzubereiten erfordert in der Regel mehrfache und längere Gespräche vor der Entscheidung zu Operation.

Sie sprachen vorhin die Weiberbrust an. Leiden Männer ähnlich unter der weiblichen Last?

Bei dieser so genannten Gynäkomastie handelt es sich um ein gutartiges Wachstum der Brustdrüse beim Mann. Auslöser können unterschiedlich sein. Oftmals tritt eine Gynäkomastie in bestimmten Lebensphasen auf. In der Pubertät kann das bei Jungen eine schwere psychische Belastung sein. Aber auch ältere Männer etwa im Rahmen der Behandlung von Erkrankungen der Vorsteherdrüse können davon betroffen sein. Hier könnte man in bestimmten Fällen sogar mit einer eher kleinen vorbeugenden Operation helfen.

Die Behandlung einer Gynäkomastie gehört zu den so genannten körperformenden Operationen so wie Fettabsaugung, Straffung, Intimchirurgie. Zu Ihrem Leistungsspektrum gehören auch komplexe Eingriffe wie das so genannte „Bodylift“. Was genau ist darunter zu verstehen?

Menschen, die sehr viel abgenommen haben, stehen meist vor einem neuen Problem. Sie leiden auf Grund des massiven Gewichtsverlustes unter überschüssigen Hautlappen an Bauch, Flanken, Gesäß sowie Armen und Beinen. Dies ist nicht nur eine seelische Belastung und soziale Stigmatisierung sondern schränkt vor allem die Funktion ein. In den Hautfalten können schmerzhafte und chronische Entzündungen der Haut entstehen. Hier hilft die so genannte postbariatrische Chirurgie, bei der die überschüssige Haut nicht einfach nur entfernt wird, sondern im Rahmen von körperstraffenden Operationen verloren gegangene Konturen an den betreffenden Regionen wie Oberarmen, Oberschenkeln, Brüsten, Po, Bauch rekonstruiert werden.

Zahlt das die Kasse?

Sie sollte es! Zum einen, weil die schmerzhaften und chronischen Begleiterscheinungen sehr ernst zu nehmen sind, ebenso wie die psychische Belastung. Zum anderen tut ein Mensch, der massiv Gewicht abnimmt, selbst viel für seine Gesundheit und betreibt aktiv Vorsorge: Er vermindert Risikofaktoren für verschiedene andere Erkrankungen wie Probleme mit dem Bewegungsapparat, Stoffwechsel- oder Herz-Kreislauferkrankungen etc. Das spart der Kasse langfristig richtig Geld.

Aber diese Eingriffe werden nicht von den Kassen übernommen?

Eine Kostenübernahme wird nur nach vorheriger Prüfung durch die Krankenkasse im jeweiligen Einzelfall erfolgen. Das ist Patienten, die häufig schon einen längeren Leidensweg zurückgelegt haben, mitunter kaum verständlich zu machen. Und natürlich gibt es, auf der Basis der gegebenen Rechtslage, dafür keine Garantie. Und regionale Unterschiede gibt es ebenso. Das kann ich über mehr als 20 Jahre als Gutachter für die Sozialgerichte ganz gut beurteilen. Nicht nur gelegentlich entscheiden sich Patienten andernfalls auch, die Kosten der Behandlung selbst zu tragen.

Früher gab es nicht so einen Hype um Schönheit, Perfektion und Gesundheit. Mittlerweile kommt man nicht mehr drum herum. Die Medien sind voll von Fitnessratgebern, Ernährungstipps, Wellnessangeboten. Die Werbung gibt vor, was schön ist. Es ist nicht neu, dass diese Ideale meist nur mit Photoshop erreicht werden. Diese Entwicklung muss Ihnen als „plastischer Chirurg“ doch gefallen, denn sie sorgt sicher für mehr „Kundschaft“. Oder wie beurteilen Sie das?

Eingriffe zur Veränderung des Körpers sind ganz sicher keine Erfindung der Gegenwart. Solche hat es in allen Zeiten und in vielen Kulturen gegeben. Manche dieser Veränderungen können für uns heute in Mitteleuropa sogar durchaus bizarr anmuten. Neu ist vielleicht in erster Linie die Öffentlichkeit, die etwa neue Medien für diese Themen erzeugen. Natürlich ist der Blick auf den eigenen Körper erst mal eine ganz individuelle Angelegenheit. Sicher mag die mediale Präsenz aber auch die Diskussion etwa im Freundeskreis bei manchen Menschen, die sich selbst entfernt von gängigen Idealbildern wahrnehmen, einen gewissen Druck erzeugen, vielleicht auch mal über eine Operation nachzudenken. Die Aufgabe eines verantwortungsbewussten plastischen Chirurgen besteht nicht nur darin, gut zu operieren sondern die individuelle Motivation von Patienten zu erkennen und ggf. in die richtigen Bahnen zu lenken. Das kann durchaus bedeuten, eine gewünschte Behandlung abzulehnen. Beispielhaft gibt es in Deutschland einen breiten Konsens, dass plastisch-ästhetische Eingriffe, wie etwa Brustvergrößerungen, bei Minderjährigen nicht durchgeführt werden dürfen. Aber auch wenn man als Arzt merkt, dass mehr der Partner sich eine „neue Frau“ wünscht, kommt man an eine rote Linie.

Wie viele Frauen behandeln Sie jährlich mit einer Brustvergrößerung oder Brustverkleinerung?

Pro Jahr haben wir neben vielen anderen seit vielen Jahren etwa 300 Patientinnen mit Brusteingriffen. Mittlerweile überblicken wir hier z. B. über 1000 Operationen mit Veränderung der Brustform namentlich der Brustverkleinerung und -straffung.

Welche Erfahrungen machen Sie mit den Patientinnen und Patienten nach solchen Eingriffen?

Natürlich sind die Reaktionen der Frauen individuell sehr unterschiedlich. Manchen sieht man die gewonnene Lebensqualität nicht nur im Gesicht, sondern auch an einem neuen Bekleidungsstil an. In der Mehrzahl zeigt sich das gewachsene Wohlbefinden aber mehr im Stillen. Die Frauen werden körperlich aktiver, fühlen sich im Job und ihrem sozialen Umfeld besser. Und faktisch alle Frauen nach einer brustverkleinernden Operation, das zeigen nicht nur unsere Erfahrungen sondern viele Untersuchungen, sind den Großteil ihrer Schmerzen auch ohne Schmerzmedikamente dauerhaft los.

 

Zur Person:

Dr. Handstein hat mehr als 25 Jahre nationale und internationale Erfahrung auf dem Gebiet der Plastischen und Ästhetischen Chirurgie. Seit 2013 wird er auf der bundesweiten Focus-Ärzteliste als einer von Deutschlands Top-Medizinern regelmäßig aufgeführt. In Görlitz bietet er ein umfangreiches Spektrum an rekonstruktiv-plastischen wie plastisch-ästhetischen Operationen an. Ganz besondere Expertise besitzt er auf dem Gebiet der Brustchirurgie, hier ist er einer der deutschlandweit anerkannten Experten. Sein Fachwissen bringt er z. B. seit über 15 Jahren in der Bundesfachgruppe „Mammachirurgie“ und als Vorstandsmitglied in der Vereinigung der Deutschen Ästhetisch-Plastischen Chirurgen ein.

Vortrag:

» 14. Juni 2017. Vortrag der Reihe „Medizin für die Bürger“ des Städtischen Klinikums Görlitz: „Wenn die Weiblichkeit zur Last wird. Und Frauen unter ihrem Äußeren leiden“ Beginn: 17:30 Uhr, Eintritt frei. Ort: Konferenzzentrum des Städtischen Klinikums Görlitz über dem Haupteingang.

Informationen zur Klinik für Plastische, rekonstruktive und Brustchirurgie Flyer als pdf

Autor Katja Pietsch

Ich bin Katja Pietsch. Als Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation des Klinikums habe ich schon von Berufs wegen eine Menge mit Kommunikation zu tun. Glücklicherweise ist das aber auch meine Leidenschaft ;-). In meiner Freizeit skate ich gerne um den See.

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