Früh beim Arzt

Nach meiner Schulterfraktur, OP und toller Betreuung durch Ärzte und Schwestern im Klinikum vor ca. einem halben Jahr hatte ich jetzt nochmals einen ambulanten Nachsorgetermin in einer Arztpraxis. Netter Kollege, ich war schon ein paar Mal dort. Der Arm geht wieder, kein Grund zur Aufregung. Rechtzeitig – also 20 Minuten vor Termin und Praxisöffnung – war ich dort, weil erfahrungsgemäß zahlreiche Patienten dann auch schon da sind und um die Pole-Position kämpfen.

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Es waren auch schon einige vor mir da, viele kamen später, der Flur vor der Praxistür war gefüllt, und es entspannten sich zahlreiche Gespräche unter den Patienten.

Es ging ums Wetter („schlecht“), die Preise („hoch“) und allerlei sonstige Dinge des täglichen Lebens. Es ging auch um medizinische Dinge: Ich erfuhr, wer wann welche OP (Karpaltunnel, Armbruch, Hämorrhoiden, … ) hatte und warum und wie es gelaufen war und welche Symptome im Vordergrund standen. Ich wusste bisher von der Multisymptomatizität von Hämorrhoiden zugegebenermaßen zu wenig.

Es ging dann auch um das Internet: „Warum die das eingeführt haben, unverantwortlich!” “Das ist überall! Meine Enkel nehmen das sogar mit aufs Klo!“ Tatsächlich, solche Fälle kenne ich in meiner Familie auch. „Da wissen die vom Internet dann immer ganz genau, wo man gerade ist! Auch der IS weiß das!“

Da muss ich wohl doch nochmal mit meinen Kindern reden, wegen Handy aufm Klo und IS und so.

Und dann wurde es noch interessanter: Es ging um ÄRZTE!

„Also, die Ärzte wollen doch immer nur das eine!“ – Ich war gespannt. Bei Männern weiß man ja, was die immer wollen, aber Ärzte? – „Geld! Die wollen immer Geld! Für alles, was sie machen, für jeden Handgriff!“

Jetzt schämte ich mich. Tatsächlich bekomme ich am Monatsende für alles, was ich so gemacht habe, Geld. Offenbar ist das bei anderen Berufsgruppen nicht so. Die arbeiten immer mal umsonst. Aber halt! Wir Ärzte sind doch nicht ganz allein in unserer Gier! Auch in meiner Autowerkstatt ist das so („Scheibenwischergummi vorn rechts demontieren, entsorgen, neuen Gummi montieren, einnorden, in Wagenfarbe lackieren,…usw – macht 124,76€“). Also: neben der Autowerkstatt sind eben nur DIE ÄRZTE so unersättlich, vielleicht sollte ich doch mein Leben überdenken? Aber bevor solche Gedanken richtig Gestalt annehmen konnten, wechselte das Thema:

„Überhaupt waren zu DDR-Zeiten die Ärzte viel besser! Die konnten noch was und hatten nicht bloß so viele Geräte“. Bemerkenswert, so hatte ich das noch nie gesehen! Genau aus diesem Grund ist ja Nordkorea bekanntermaßen ein Hort der internationalen Hochleistungsmedizin. Weniger kann eben auch mal mehr sein! Wieder was gelernt.

Es wurde noch schlimmer: „Überhaupt gibt es GAR KEINE guten Ärzte mehr bei uns! Die sind alle im Westen!“ Jetzt war ich ein bisschen persönlich beleidigt und kurz davor einzuwerfen, dass diese These nicht stimmen kann, denn schließlich bin ICH ja noch da, aber dazu kam ich nicht, denn jetzt kam der Grund dafür, warum ALLE GUTEN ÄRZTE im Westen sind: „Dort gibt es ja viel mehr Geld, mindestens doppelt soviel!“ Jetzt war meine bereits erwähnte ärztliche Gier geweckt und ich beschloss, unverzüglich die Hausleitung aufzusuchen wegen des doppelten Gehaltes.

„Ärzte sind so eingebildet, wahrscheinlich halten sie sich immer für klüger!“ Nun: nicht immer, aber beispielweise in den letzten Minuten, zugegebenermaßen, war mir dieser Gedanke auch schon gekommen.

Es ging dann noch ein bisschen um Carolus-Krankenhaus („besserer Nachtisch“) versus Klinikum („wird schon wieder was gebaut“) und ich fragte mich, ob unsere Anstrengungen bezüglich der Öffentlichkeitsarbeit nicht doch etwas zu ambitioniert sind.

Aber jetzt wurde die Praxistür aufgemacht und die Patienten bildeten eine Schlange in der Reihenfolge ihres Erscheinens. Nicht ganz: ein älterer Herr drängelte sich vor mich und erklärte auf meinen fragenden Blick: „Junger Mann, Sie haben noch viel mehr Lebenszeit vor sich, da können Sie hier ruhig ein wenig länger warten. Ich muss mich beeilen!“ Das war immerhin eine originelle Begründung und ich beließ es dabei.

Übrigens: Natürlich war ich dann doch eher dran als der Vordrängler 😉 Und bezüglich der Qualität der hiergebliebenen Ärzte tröste ich mich damit, dass die anderen, die wie ich hier arbeiten, ja auch nicht besser sind als ich.

 

 

 

 

 

Autor Rüdiger Karbaum

Ich bin Dr. Rüdiger Karbaum und leite als Chefarzt die Klinik für Onkologie, Hämatologie, Strahlentherapie und Palliativmedizin im Görlitzer Klinikum. In meiner Freizeit spiele ich Geige und bin Mitglied verschiedener Orchester.

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