Nur ein schlechter Tag oder gleich ein Grund zu sterben?

„Depression-Let’s talk!“ – dies ist das Motto des Weltgesundheitstages der WHO am 7. April. Bei uns im Klinikum werden jährlich etwa 800 Patienten mit Depressionen behandelt. Ich sprach mit Dr. Hans-Martin Rothe, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie & PD Dr. Thomas Reuster, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie über diese besondere Erkrankung. Auch das am 1. April in Kraft getretene Gesetz, das einen schnelleren Beratungstermin bei Psychotherapeuten gewährleisten soll, ist Thema des Interviews.

Dr. Rothe (links) und PD Dr. Reuster leiten gemeinsam das Zentrum für Seelische Gesundheit am Städtischen Klinikum Görlitz. Sie bringen ihre Expertisen in die Behandlung verschiedener psychischer, psychosomatischer und psychiatrischer Erkrankungen ein. Vor allem Patienten mit schwierigen und komplexen Diagnosen, etwa mit Persönlichkeits- oder Zwangsstörungen, werden von beiden Fachkliniken aufgefangen.

Was ist eine Depression?

PD Dr. Reuster: Eine Depression ist eine psychische Störung, die vor allem das Gemüt, das gefühlte Erleben betrifft. Laut der internationalen Klassifikation der Krankheiten – ICD – müssen bestimmte Kriterien bzw. Symptome vorliegen, damit eine Depression diagnostiziert werden kann. Zum Beispiel Suizidgedanken, Selbstverletzungen, Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit. Aber ganz so einfach ist das trotzdem nicht.

Warum nicht?

Dr. Rothe: Empfindungen sind höchst subjektiv. Jeder Mensch leidet und fühlt anders. Antriebslosigkeit kann für den einen einfach nur einen schlechten Tag bedeuten. Den anderen beeinträchtigt das so sehr, dass er sein ganzes Leben in Frage stellt. Wir Ärzte müssen im Gespräch herausfinden, wie es dem Betroffenen tatsächlich geht, wie seine Lage ist, ob es sich um eine vorübergehende Schwankung handelt oder ob es kritischer ist. Die objektiven Parameter der ICD dienen uns dabei als Grundlage, die subjektiven Beschwerden einzuordnen.

Sie können also nicht einfach eine Liste abarbeiten und Haken dran machen?

PD Dr. Reuster: Nein. Depressionen weisen ein Riesenspektrum an Ausprägungen, Formen, Ursachen und Verläufen auf. Eine Depression ist auch nie wie die andere, weil jeder Mensch einzigartig ist. Dabei spielen viele Faktoren eine Rolle wie die Persönlichkeit, die Lebensgeschichte, die sozialen Umstände, die Familienstruktur. Darüber hinaus ist es ein gesamtgesellschaftliches Phänomen, das Psychiater und Psychosomatiker, Psychotherapeuten, Sozialpsychiatrie, Krankenkassen und auch die Pharmaindustrie beschäftigt.

In den Medien heißt es, die Zahl der Menschen, die an Depressionen leiden, steigt.

PD Dr. Reuster: Das ist richtig und hat verschiedene Gründe. Zum einen sind Depressionen entstigmatisiert. Eine Depression zu haben, bedeutet nicht mehr gleich, in die – Entschuldigung – „Klapsmühle“ zu müssen. Man redet darüber. Diese „Salonfähigkeit“ ist ein durchaus positiver Aspekt, auch wenn damit gleichzeitig die Gefahr einhergeht, dass nicht mehr genau differenziert wird und gewöhnliche Verstimmungen gleich als Depression bezeichnet werden.

Dr. Rothe: Zum anderen steigt die Zahl, weil sich die Welt verändert hat. Die psychologischen Anforderungen der Gesellschaft, im Beruf und in der Familie sind ebenfalls viel höher als früher. Diese postindustrielle Dienstleistungsgesellschaft verlangt von den Menschen auf der psychischen Ebene heute deutlich mehr ab als früher. Denken Sie nur an Facebook & Co. Wie wichtig ist vor allem für jüngere Menschen eine positive Wahrnehmung im Internet von Menschen, so genannten „Freunden“, die sie eigentlich gar nicht kennen? Insgesamt gibt es heute mehr Faktoren, die eine Depression auslösen können.

Kann es jeden treffen?

PD Dr. Reuster: Im Grunde schon. In Zahlen ausgedrückt hat ungefähr jeder Dritte einmal im Leben eine Depression. Die Zahl der Krankschreibungen auf Grund von Depressionen hat sich laut dem BKK Gesundheitsbericht in den Jahren 2005 und 2015 mehr als verdoppelt.

Dr. Rothe: Dabei bedeutet eine Depression zu haben nicht immer gleich, dass man krankgeschrieben werden muss. Manche Betroffene sind durchaus in der Lage, ihrer Arbeit weiter nachzugehen.

Und wann muss man in die Klinik?

Dr. Rothe: Eine Behandlung in der Klinik ist dann notwendig, wenn nichts anderes mehr funktioniert. Die Patienten sind dann oft schon über einen längeren Zeitraum nicht mehr in der Lage, ihren Alltag zu meistern oder sie sind akut suizidgefährdet.

Wie behandeln Sie depressive Patienten?

Dr. Rothe: Nun, bei jeder Therapie – ob ambulant oder stationär – werden die eigenen Ressourcen der Betroffenen wieder aktiviert. In den verschiedenen Formen der Psychotherapie gilt es dann ggf. vorhandene innere oder äußere Stolpersteine – also dysfunktionale emotionale Erlebens- und Verhaltensmuster – zu identifizieren und zu modifizieren. In der psychosomatischen Kurzzeittherapie kombinieren wir dann Einzel- und Gruppengespräche, übungs- und erfahrungsorientierte Therapien wie Gestaltungstherapie und Musiktherapie, aber auch Entspannungsverfahren.

PD Dr. Reuster: Darüber hinaus gibt es auch medikamentöse Behandlungen bzw. eine Kombination aus verschiedenen Therapien.

Welche Rolle spielt Depression in der Görlitzer Bevölkerung?

Dr. Rothe: Depression ist die häufigste Diagnose bei uns im Zentrum für Seelische Gesundheit. Kontinuierlich haben wir ca. 100 Patienten im Klinikum, die wegen einer Depression behandelt werden.

PD Dr. Reuster: Insgesamt sind wir in Görlitz gut aufgestellt was die Behandlung von Depressionen angeht. Im Klinikum haben wir zwei Institutsambulanzen, in denen sich Betroffene in Notsituationen vorstellen können. Hier leisten wir umfangreiche Diagnostik und entscheiden, ob die Patienten ambulant/stationär behandelt werden oder in eine Rehabilitation gehen müssen. Dafür sind wir eng vernetzt mit den niedergelassenen Ärzten und Psychologischen Psychotherapeuten.

Dr. Rothe: Und es gibt das Bündnis gegen Depression, eine sehr wertvolle Initiative in Görlitz, die Ärzte, Psychotherapeuten, Beratungsstellen, Kliniken, Schulen, Selbsthilfegruppen, Ämter und viele weitere Partner vernetzt, um auf diese Weise eine bessere Versorgung depressiv erkrankter Menschen zu erreichen.

Gerade außerhalb der Kliniken ist es bislang für Betroffene sehr schwierig, einen Termin bei einem niedergelassenen Psychotherapeuten zu bekommen. Nun ist zum 1. April ein Gesetz in Kraft getreten, das Patienten schnellere Hilfe in psychischen Krisen ermöglichen soll. Wie genau soll das funktionieren?

Dr. Rothe: Bislang warten Patienten im Durchschnitt drei Monate bis zu einem Erstgespräch mit einem Psychotherapeuten. Um diese Zeit zu verkürzen sollen die ärztlichen und psychologischen Psychotherapeuten jetzt eine Art Sprechstunde anbieten. In dieser ersten Beratung soll der Therapeut dann feststellen, ob der Betroffene psychisch krank ist und welche Behandlung nötig ist.

Das klingt doch ganz gut.

Dr. Rothe: Die Idee ist gut. Denn Beratung hilft meist schon ein Stück weiter. Und ohne diagnostische Einschätzung können die entscheidenden Weichen nicht richtig gestellt werden. Die Frage ist, wie die Praxen es umsetzen können. Die Psychotherapie-Praxen sind mit ihren Therapiesitzungen meist vollständig durchgetaktet und ausgelastet. Von diesen begrenzten Ressourcen für die eigentlichen Therapiestunden gehen die Beratungsstunden dann ab. Wie eine Praxis, die ohne Sprechstundenschwester arbeitet, in jeder Woche eine 200-minütige persönliche telefonische Erreichbarkeit sicherstellen kann, ist nicht so einfach vorstellbar.

Kann man selbst etwas tun, um nicht depressiv zu werden?

Dr. Rothe: Doch der Einzelne wie auch die Familien können eine ganze Menge tun: positive Aktivitäten, Zeit für ein stabiles Netzwerk mit Freunden haben, mit denen ein offenes Gespräch stattfinden kann, Aufbau einer guten körperlichen Kondition, Vertiefen der eigenen Entspannungsfähigkeit und Fähigkeit zum Abschalten, angemessenes Selbstvertrauen. Entwickeln der Fähigkeit auch mal begrenzend nein sagen zu können, Achtsamkeit für die kleinen und größeren positiven Momente entwickeln.

PD Dr. Reuster: Neben den Betroffenen ist es auch für die Angehörigen nicht einfach, mit einem depressiven Familienmitglied zu leben. Hier gibt es ebenfalls Hilfen.

 

Update: Zum Thema Angehörige von Depressiven wollen wir einen Extra Beitrag veröffentlichen.

Autor Katja Pietsch

Ich bin Katja Pietsch. Als Pressesprecherin und Leiterin der Unternehmenskommunikation des Klinikums habe ich schon von Berufs wegen eine Menge mit Kommunikation zu tun. Glücklicherweise ist das aber auch meine Leidenschaft ;-). In meiner Freizeit skate ich gerne um den See.

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Join the discussion 2 Kommentare

  • Heike Kempe sagt:

    Ich habe gerade diesen Beitrag mit Herrn Cef.Dr. Rothe und Herrn PD Dr. Reuster gelesen. Denn Dr. Rothe kenne ich persönlich, da ich drei Mal in der psychosomatischen Klinik Görlitz war. Mein Name ist Heike Kempe und ich komme aus Hoyerswerda. Das Thema Depressionen ist so weit gefächert und sehr wichtig in unserer heutigen Gesellschaft. Ich kann nur sagen, das die psychosomatische Klinik Görlitz, mein Leben wieder in die richtige Bahn gelenkt hat. Und deshalb ein großes Dankeschön an Herrn Chef.Dr. Rothe und sein damaliges Team.

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