Integration – weil Krankheit keine Grenzen kennt

Es ist einer dieser Abende, an dem sich wieder Frauen einer Selbsthilfegruppe treffen. Alle in der Gruppe haben eine Tumorerkrankung zu bewältigen. Jede von ihnen hat Brustkrebs. Brustkrebs ist die häufigste Tumorerkrankung bei Frauen. Pro Jahr gibt es über 70.000 diagnostizierte Neuerkrankungen. Einer von 100 Betroffenen ist ein Mann. Die Aufmerksamkeit und vor allem Offenheit für diese Erkrankung sind in den letzten Jahren sehr gestiegen. Die Behandlungsmöglichkeiten sind vielfältig und müssen sehr individuell abgewogen werden.

Der Oktober ist weltweit Brustkrebsmonat. Eine rosa Schleife ist Symbol für die Solidarität mit Erkrankten und den Kampf gegen Brustkrebs.

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Die Selbsthilfegruppe hat sich am späten Nachmittag getroffen, um gemeinsam Zeit zu verbringen. Einmal im Monat finden sie zusammen, manchmal auch öfter. Neu ist seit einiger Zeit, dass nicht nur Deutsch gesprochen wird. Eine junge Frau ist noch nicht lange mit dabei. Sie spricht etwas Englisch und ihr Deutsch wird Woche für Woche besser.

Manche der Frauen müssen noch eine Perücke, Tücher oder dünne Mützen tragen, nachdem ihnen durch die Chemotherapie die Haare ausgefallen sind. Rücken- und Muskelschmerzen sind bei fast allen an der Tagesordnung. Einige gehen schon wieder arbeiten, einzelne sogar bereits seit Jahren wieder. Die Krankheit begleitet sie fast immer. Sie leben mit ihr, sie ist ein Teil von ihnen und ihrer Lebensgeschichte.

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Foto: “Image Point Fr/shutterstock”

Der Kellner kommt mit Speisen. Es wird gemeinsam gegessen und getrunken und gequatscht. Sie reden darüber, wie es jeder gerade so geht. Erzählen muss nur wer möchte. Und es wird viel gelacht. Alle lachen. Auch die, denen es heute nicht so gut geht. Einige stecken noch mitten in der Chemotherapie oder haben noch Bestrahlung. Die meisten müssen jeden Tag Tabletten schlucken, haben das Schlimmste schon hinter sich. Doch das versuchen sie an solchen Abenden weitestgehend zu vergessen.

Sie tauschen sich darüber aus, wie sie mit sich selbst zurechtkommen, wie sie mit ihrer Erkrankung umgehen, wie sie mit ihrem Umfeld umgehen (können), wie es mit ihren Kindern läuft, was das veränderte Körperbild mit ihnen macht. Sie alle mussten operiert werden. Einigen musste ein Teil oder die ganze weggenommen werden. Manchen konnte die Brustkontur mit einem Implantat oder sogar mit eigenem Gewebe vom Bauch oder Po zurückgegeben werden. Andere tragen BHs mit Silikoneinlagen, die einen Teil oder die ganze verlorene Brust ersetzen. Unter der Bluse oder dem Pullover lassen sie den Oberkörper völlig unversehrt aussehen. Solche Hilfsmittel zum Ausgleich gibt es nicht nur für Dessous, sondern inzwischen auch als Bademode, für den Sport und sogar bei Abendkleidern. Es ist eben eine sehr spezielle Angelegenheit. Und es ist gut, dass es Spezialisten für die Behandlung und die Begleitung gibt. Eben auch solche, die Strümpfe für Arme und Beine herstellen, die bei Lymphabflussstörungen helfen können. Die gibt es in verschiedenen Farben und werden individuell für jede Frau angepasst. So individuell und einzigartig wie jede Frau eben ist.

Auch an diesem Abend spüren die Frauen diese Vertrautheit untereinander, etwas enges, fast familiäres, auf jeden Fall sehr intimes. Und langsam zieht sich „die Neue“ das Tuch von ihrem Kopf. Darunter trägt sie noch eine dünne Mütze. Auch diese nimmt sie ab. Es kommen ganz kurze, fast schwarze, Haare zum Vorschein. Sie sieht toll aus, ganz selbstbewusst und ein bisschen kess. Ihre großen dunklen Augen strahlen in die Runde. Dann holt sie ein Foto aus ihrer Handtasche. Darauf ist eine wunderschöne Frau mit langen dunklen Haaren zu sehen, Haare bis über die Hüften lang. Neben ihr steht ein Mann, davor ein kleiner Junge. Sie hält es allen hin und sagt: “Das bin ich vor 5 Jahren in meiner Heimatstadt.“ Nun füllen sich ihre Augen mit Tränen. Doch schnell kommt eine Frage: „Warum trägst du jetzt immer Kopftuch? Dort hast du gar keins um.“

„Es ist der Wunsch meines Ehemannes, dass ich hier in Europa ein Kopftuch trage. Zu Hause habe ich nie ein Tuch umgehabt. Unsere Familie ist sehr offen.” Sie lächelt wieder sanftmütig und wirkt besonnen. Alle in dieser Runde haben einen gemeinsamen Nenner – sie sind an Brustkrebs erkrankt und wollen trotzdem ihr Leben meistern. Auch die junge Frau mit den dunklen, kurzen, feschen Haaren. Sie hat ihr Tuch inzwischen wieder umgebunden.

Dass sie an Brustkrebs erkrankt ist, stellten Ärzte in der Notaufnahme fest, in die sie mit starken Schmerzen aus der Flüchtlingsunterkunft kam. Sie musste im Krankenhaus zur Behandlung aufgenommen werden. Ihr wurde dann mit ihrer Familie – sie hat inzwischen zwei Kinder – eine Wohnung zugewiesen. Die Abschiebung wurde für die Dauer der Therapien aufgeschoben. Inzwischen liegt der Bescheid vor, dass sie in einem dreiviertel Jahr ausgewiesen und nach Frankreich abgeschoben wird. Aber bis dahin möchte sie die Gruppentreffen besuchen.

Nun haben sich alle in der Gruppe vorgenommen, ihr Englisch wieder aufzupolieren und „der Neuen“ beim Deutschlernen zu helfen.

Auch das ist Integration… Denn Krankheit kennt keine Grenzen, keine Nationalitäten, keinen Glauben, bringt nur ihr Leiden und braucht Mut zur Bewältigung. Und genau darum geht es an diesem Abend, um den Moment, die Krankheit hinter sich zu lassen und das Genießen des gemeinsamen Seins und sich Austauschens.

PS I: Am 19. Oktober 2016 lädt das zertifizierte Mammazentrum Ostsachsen am Städtischen Klinikum zu einem Bürgervortrag ein. Unter dem Titel “Kompetenz unter einem Dach” stellen die Leiter des Zentrums, Dr. Steffen Handstein und Dr. Torsten Nadler, die Arbeit und die besonderen Strukturen der Brustkrebsbehandlung in Görlitz vor. Sie sind herzlich eingeladen. 17:30, Konferenzzentrum des Klinikums, Girbigsdorfer Str. 1 – 3. Der Eintritt ist frei.

PS II: Im Oktober können Sie wieder unsere Anhänger “Eine von Neun” – in Görlitzer Geschäften entdecken:

 

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Manuela Böttcher

Autor Manuela Böttcher

.Mein Name ist Manuela Böttcher. Ich bin seit 2003 Koordinatorin des Mammazentrums Ostsachsen am Klinikum. In meiner Freizeit treibe ich gern mit Kindern und Erwachsenen Sport und entspanne mit Yoga.

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