Ist Palliativmedizin immer nur traurig?

von 30. September 2016Allgemein, Mitarbeiter

Nachdem es in diesem September ungewöhnlich lange sehr warm war und wir damit einen wunderschönen Spätsommer hatten, herrscht nun seit einiger Zeit wieder die erwartete herbstliche Kälte. Noch gibt es zwar auch schöne Tage und Sonnenschein, aber es ist nicht zu übersehen: Es ist Herbst!
Noch blühen die Geranien auf den Balkons des Hauses D, in welchem die von mir geleitete Klinik (Klinik für Onkologie, Hämatologie, Strahlentherapie und Palliativmedizin, kurz: KOSP) untergebracht ist. Aber bald kommen wieder die Krähen. Ganze Schwärme osteuropäischer Krähen, welche hier ihren Winter verbringen, schlafen nachts in den großen Bäumen auf unserem Klinikumsgelände, die meisten direkt neben und über dem Haus D.

Krähen und Palliativmedizin – ist das nicht ein schlechtes Omen?

Nun ja, ich persönlich habe gar nichts gegen Krähen. Gefährlich wird es höchstens mal, wenn man früh, wenn die Krähen aufstehen und ihren Darm entleeren, direkt unter ihren Schlafbäumen lang geht. Aber bei vielen Menschen sind sie nicht beliebt, und Krähen galten in alten Zeiten als Todesboten. Sollten sie nicht lieber woanders übernachten? Abgesehen davon, dass die Krähen das einfach so machen, wie sie es gern möchten und außerdem auch noch unter Naturschutz stehen, muss man die Sache mit der Palliativmedizin vielleicht nicht nur immer ausschließlich ganz ernst und traurig betrachten. Und deshalb schreibe ich ja diese Zeilen!

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Die Geranien blühen noch auf den Balkonen des D-Hauses. Der Herbst ist da.

Palliativmedizin bedeutet nämlich nicht, dass Patienten sterben müssen und der Tod vielleicht sogar unmittelbar bevorsteht. Palliativmedizin bedeutet Linderung von Leiden. Dies ist unsere Aufgabe in der KOSP, dafür steht das P in unserem Klinik-Kürzel. Natürlich sind Krebspatienten oft sehr krank. Viele kann man heilen, aber viele auch nicht. Das Versterben von Patienten gehört zum Alltag der Schwestern und Ärzte in unserer Klinik. Und weil das eben leider so ist, ist es so wichtig, dass wir eine große palliativmedizinische Kompetenz bei uns haben.

Betrifft Palliativmedizin denn nur Patienten mit Krebs? Nein, natürlich nicht! Selbstverständlich kann jede schwere Krankheit dazu führen, dass der Patient palliativmedizinisch behandelt werden muss. Am häufigsten betrifft es allerdings Patienten mit Krebs. Deshalb haben wir entschieden, die Palliativmedizin mit der Onkologie anzugliedern. Das hat viele Vorteile. So können Krebspatienten, die wir palliativmedizinisch behandeln, bei uns eben auch von allen Segnungen der modernen Medizin wie Chemotherapie und Strahlentherapie profitieren. Das ist kein Widerspruch, auch wenn es immer noch manchen Patienten, Ärzten und Schwestern so vorkommt. Palliativmedizin heißt eben nicht nur, Schmerzmittel zu geben, sondern die Patienten auch teilhaben lassen an allen anderen Möglichkeiten, ihre Symptome zu lindern. Die beste Schmerztherapie für einen Patienten mit beispielsweise sehr schmerzhaften Knochenmetastasen kann eben die kurzzeitige Bestrahlung dieser Metastasen sein. Wenn ein Tumor auf die Luftröhre drückt und er durch Chemotherapie verkleinert wird, bekommt der Patient wieder besser Luft. Dass wir diese Kompetenzen in unserer Klinik vereinigen und damit Patienten oft sehr schnell und wirksam helfen können, macht uns stolz.

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Neue eingerichtete Palliativzimmer im Klinikum Görlitz. Ein ästhetisch gestaltetes Zimmer wirkt sich positiv auf die Psyche der Patienten und ihrer Angehörigen aus.

„Krebs“, „Onkologie“, „Strahlentherapie“, „Palliativmedizin“ sind also keine Synonyme für ein baldiges Sterben. Allerdings können diese Begriffe mit Leiden und Sterben im Zusammenhang stehen. Sie so miteinander zu verknüpfen, dass das Leiden gelindert (und das Sterben verschoben?) werden kann, sind Aufgaben der Palliativmedizin. Geschenkte Zeit und gelindertes Leiden kann auch Grund zu großer Freude sein. Auch das erleben wir in unserer Arbeit häufig. Dankbare Patienten und Angehörige geben uns Kraft für unsere doch mitunter kräftezehrende Tätigkeit.

Zurück zu den Krähen: Sie kommen bald wieder und begleiten uns durch die dunkle Jahreszeit. Angst machen sie uns nicht. Wir sehen sie auch nicht als schlechtes Omen. Krähen gehören übrigens zu den Singvögeln. Ich mag sie.

Autor Rüdiger Karbaum

Ich bin Dr. Rüdiger Karbaum und leite als Chefarzt die Klinik für Onkologie, Hämatologie, Strahlentherapie und Palliativmedizin im Görlitzer Klinikum. In meiner Freizeit spiele ich Geige und bin Mitglied verschiedener Orchester.

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